Am heutigen Aschermittwoch fielen die christliche Fastenzeit und der muslimische Ramadan zusammen. Am Kurt-Körber-Gymnasium in Hamburg-Billstedt erleben Schüler diese besondere Zeit des Verzichts und Miteinanders. Für den 16-jährigen Lotfi Abdalla Ali ist der Ramadan “voll die schöne Zeit”, der beste Monat im Jahr. Für ihn geht es nicht nur um den Verzicht auf Essen und Trinken, sondern auch darum, dass “die Zunge fastet” – bewusst Gutes zu sprechen und auf Mitmenschen zu achten. Abends kommt seine Familie zum gemeinsamen Fastenbrechen, dem Iftar, zusammen. Lotfi empfindet diese Zeit als Phase des Friedens und der Ruhe, eine Erfahrung, die seinen Schulalltag prägt.
Diese Ruhe spiegelt sich auch in der großen Pause vor dem Kiosk des Gymnasiums wider. Von rund 600 Schülern sind etwa die Hälfte Muslime. Auch wenn keine genauen Zahlen der Fastenden vorliegen, deutet die ungewohnt kurze Schlange am Kiosk darauf hin, dass viele fasten. Sina Bomm, eine 17-jährige Schülerin mit sowohl christlicher als auch muslimischer Prägung, verzichtet persönlich nicht auf Nahrung, hat sich aber entschieden, ihren Social-Media-Konsum bis Ostern drastisch einzuschränken, indem sie TikTok komplett gelöscht hat. Aus Rücksicht auf ihre fastenden Mitschüler achtet sie darauf, nicht vor ihnen zu essen oder zu trinken, was die gegenseitige Wertschätzung an der Schule hervorhebt. Der muslimische Fastenmonat endet am 20. März mit dem Ramadanfest Eid al-Fitr.
Das Kollegium des Kurt-Körber-Gymnasiums ist sensibilisiert für den Ramadan, betont Schulleiter Christian Lenz. Es gibt jedoch keine Anordnung zur Anpassung des Unterrichts oder zur Verschiebung von Klausuren. Herausforderungen entstehen, wenn der Ramadan in die wärmeren Sommermonate fällt, was das Fasten ohne Wasser erschwert, wie Lenz an Beispielen von umgekippten Schülern bei Bundesjugendspielen erläutert. Um den interreligiösen Austausch zu fördern, plant die Schule einen Abend des gemeinsamen Fastenbrechens nach Sonnenuntergang, zu dem eine Pastorin, ein Islamwissenschaftler sowie Schüler und Eltern eingeladen sind. Diese Veranstaltung soll das Verständnis und das Miteinander der verschiedenen Traditionen stärken. Nadia Tabibzada und Eren Calkin berichten zudem über ihre Versuche, auch auf Social Media zu verzichten, um Ablenkungen zu minimieren und sich auf die spirituellen Aspekte des Fastens zu konzentrieren.
Für Nadia Tabibzada, 17, steht die Gemeinschaft im Vordergrund des Ramadans, vom Austausch über den Verzicht bis zum Iftar mit der Familie. Sie hat eine neue Routine entwickelt, steht um 5:20 Uhr für das Frühstück vor Sonnenaufgang auf und besucht abends das spezielle Tarawih-Gebet in der Moschee. Eren Calkin, 16, fasst sein Fasten-Mindset zusammen: “Mein Mindset ist nicht, dass man sich quält, sondern mehr Empathie für Menschen hat, die hungern und dadurch Gott näher ist.” Die Schüler berichten von keinen Vorurteilen seitens Nicht-Muslimen, sind aber die Frage “Trinkst du echt den ganzen Tag nichts?” leid. Die Erfahrungen am Kurt-Körber-Gymnasium zeigen, dass Fasten eine persönliche Strategie für Gesundheit, Spiritualität und soziales Bewusstsein darstellt, die das Miteinander in der Schulgemeinschaft stärkt und weit über reine religiöse Tradition hinausgeht.
