Die Arktis, eine der am schnellsten erwärmenden Regionen der Welt, rückt ins Zentrum einer bahnbrechenden Forschungsmission: die »Tara Polarstation«. Dieses einzigartige Forschungsschiff, das SPIEGEL-Reporter Christoph Seidler bei seiner Probefahrt begleitete, ist darauf ausgelegt, monatelang ohne eigenen Antrieb im Packeis zu driften. Zwölf Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler werden sich an Bord befinden, um die dramatischen Veränderungen in dieser sensiblen Region direkt vor Ort zu studieren. Ihr Ziel ist es, die Geheimnisse der schmelzenden Arktis zu entschlüsseln und damit wichtige Daten für das Verständnis des globalen Klimawandels zu liefern. Die Mission soll im kommenden Winter starten, doch bereits jetzt laufen die intensiven Vorbereitungen in den eisigen Gewässern Finnlands.
Die »Tara Polarstation« ist kein gewöhnliches Schiff. Ihre spezielle, an der Unterseite abgerundete Form ist eine clevere Ingenieurslösung, die sie davor bewahrt, von den enormen Kräften des Packeises zerdrückt zu werden. Drückt das Eis zu stark, gleitet die Station einfach nach oben, anstatt dem Druck nachzugeben. Dies ist entscheidend für die Sicherheit der Crew, die sich auf monatelanges Eingeschlossensein in kompletter Dunkelheit vorbereitet. Um dem Winterblues in der endlosen Polarnacht entgegenzuwirken, wird neben der anspruchsvollen wissenschaftlichen Arbeit auch auf das Wohlbefinden der Crew geachtet: gutes Essen und Musikinstrumente sind Teil der Bordausstattung. Täglich stehen Eiskratzen, die Wartung der Messapparate und die Auswertung der gesammelten Daten auf dem Programm, um einen reibungslosen Ablauf der Expedition zu gewährleisten.
Die Hauptaufgabe der »Tara Polarstation« besteht darin, die Auswirkungen der rapiden Erwärmung der Arktis, die sich drei- bis viermal stärker erwärmt als der Rest der Welt, zu erforschen. Die Wissenschaftler wollen herausfinden, wie sich dadurch Strömungen oder der Salzgehalt im Meerwasser verändern. Ein wichtiges Instrument hierfür ist ein hochentwickelter Tauchroboter. Dieser wird durch eine spezielle Öffnung im Schiffsrumpf unter das Eis gelassen, um dort Messungen durchzuführen. Meeresforscher Martin Schiller beschreibt die Steuerung als Herausforderung, vergleichbar mit einem Videospiel, bei dem man den Überblick auf einer Karte behalten muss, da das Gerät unter Wasser unsichtbar ist. Der Roboter soll unter anderem messen, wie viel Sonnenenergie durch die Eisdecke in den Ozean gelangt – und wie sich dies ändert, wenn das Eis weiter schmilzt.
Die Zeit drängt, denn die Arktis verändert sich in einem beispiellosen Tempo. Meeresbiologe Maxime Geoffroy warnt, dass es in den nächsten fünf bis 15 Jahren im September kein Eis mehr geben könnte, zumindest sporadisch. Das Verschwinden des arktischen Eises in diesem Ausmaß ist in der Menschheitsgeschichte unbekannt. Kapitän Martin Hertau, der sich nach 17 Jahren in die Polarregion verliebt hat, blickt der Herausforderung der ersten Überwinterung im Eis mit großer Vorfreude entgegen. Die Forscher proben alle Abläufe immer wieder durch, um sich auf den Alltag auf engem Raum ohne Privatsphäre vorzubereiten. Nach zwei Monaten Eingewöhnung soll die »Tara« sechs Monate lang festgefroren durch das Packeis am Nordpol driften. Dies ist erst der Anfang eines ambitionierten Langzeitprojekts: In den nächsten 20 Jahren soll die Polarstation insgesamt zehnmal auf diese entscheidende Reise gehen.
