Der Vagusnerv, zentral für Entspannung, Immunfunktion und Stimmung, ist in der Biohacking-Szene zum Star aufgestiegen. Geräte zur Stimulation versprechen Hilfe bei Stress, Kopfschmerzen und Müdigkeit per Knopfdruck. Doch trotz des Hypes ist die tatsächliche Wirksamkeit und der Nutzen dieser Technologien eine häufig gestellte Frage. Viele Verbraucher suchen nach einfachen Lösungen für komplexe Probleme, und die Vagusnerv-Stimulation wird als solche beworben, was eine genaue Betrachtung der Belege erfordert.
Die Entwicklung von Vagusnerv-Stimulatoren begann mit implantierbaren Geräten in den 1980er-Jahren, die ursprünglich für therapieresistente Epilepsie und später für schwere Depressionen zugelassen wurden. Vor etwa 15 Jahren kamen nicht-invasive Geräte auf den Markt, die den Nerv über die Haut am Ohr oder Hals stimulieren. Prominente Beispiele sind “gammaCORE” in den USA, zugelassen für Cluster-Kopfschmerzen, und das deutsche tVNS-Gerät aus Erlangen, das als Medizinprodukt der Klasse IIa zertifiziert ist und am Ohr angebracht wird.
Experten betonen, dass Vagusnerv-Stimulation keine Akuttherapie ist; therapeutische Effekte stellen sich in der Regel erst nach Wochen bis Monaten täglicher Anwendung ein, oft zwischen vier und zwölf Wochen. Ein entscheidender Unterschied besteht zwischen zertifizierten Medizinprodukten, die in kontrollierten Studien Wirksamkeit und Sicherheit belegen müssen, und den zahlreichen „Wellness“-Gadgets, die online angeboten werden. Bei letzteren fehlen oft wissenschaftliche Nachweise, ob der Vagusnerv überhaupt erreicht wird und welche Effekte sie tatsächlich erzielen. Die Sicherheitsstandards und Dokumentationspflichten sind ebenfalls unterschiedlich.
Aktuell sind nicht-invasive Vagusnerv-Stimulatoren für die Behandlung von Epilepsie, chronischen Migräne, Depressionen und dem Prader-Willi-Syndrom zugelassen. Das Forschungsinteresse an weiteren Anwendungen ist jedoch stark gewachsen. Man erhofft sich positive Effekte bei Schlafstörungen, Post-Covid-Syndrom und chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen. Auch neuroplastische Effekte, etwa zur Verbesserung der Armfunktion nach einem Schlaganfall, werden mit nicht-invasiven Methoden intensiv erforscht, um das volle Potenzial dieser Technologie zu entschlüsseln.
