Seit Kurzem zieht die öffentliche Aufbahrung der Gebeine des Heiligen Franz von Assisi Hunderttausende Gläubige nach Assisi. Professor Oliver Wintzek, Dogmatiker und Fundamentaltheologe, äußert sich dazu mit Befremden. Während er die historische Plausibilität der Reliquienverehrung anerkennt, irritiert ihn der heutige „Hype“ um ein paar alte Knochen. Trotz seiner eigenen Besuche in Assisi würde er die Schlange vor dem Plexiglassarg meiden, da er bezweifelt, dass das reine Anschauen der sterblichen Überreste einen spirituellen Mehrwert bietet. Dieser massive Andrang – 400.000 Anmeldungen – wirft Fragen nach der modernen Relevanz solcher Praktiken auf.
Der offizielle Anlass für die Präsentation der Gebeine ist der 800. Todestag des Heiligen Franziskus, doch Wintzek sieht darin auch ein bewusst inszeniertes „Event“ der Kirche. In einer Zeit, in der Religion um Aufmerksamkeit ringt, dienen Reliquien als greifbare Manifestation des Unsichtbaren, eine Strategie, den Glauben „anfassbar“ zu machen. Er gesteht ein, dass die Zeigung der Franziskus-Gebeine noch nachvollziehbar sei, verweist aber auf weitaus „absurdere“ Beispiele. Hierzu zählt er die Herzreliquie des „Millennial-Heiligen“ Carlo Acutis, die auf Deutschlandtournee ging, oder fragwürdige Schädelreliquien, die angeblich Johannes dem Täufer im Kindesalter zugeschrieben werden, obwohl er als Erwachsener enthauptet wurde. Solche Fälle verdeutlichen die Bandbreite und mitunter fragwürdige Natur des Reliquienkults.
Was zieht jedoch so viele Menschen, gerade zu Franz von Assisi, an? Wintzek erklärt die Faszination mit der Radikalität des Heiligen. Franz von Assisi verzichtete auf Reichtum, Besitz und ein bequemes Leben – ein Vorbild für soziale Gerechtigkeit und eine revolutionäre Figur für das kirchliche Establishment seiner Zeit. Diese Botschaft der Selbstlosigkeit und des einfachen Lebens resoniert bis heute tief bei vielen Menschen, die in ihm eine Inspiration für gesellschaftliche und kirchliche Reformen sehen. Darüber hinaus betont der Theologe ein zutiefst menschliches Bedürfnis: den Wunsch, einer verehrten Person nahe zu sein, etwas von ihr zu berühren oder zu sehen. Dieses Bedürfnis überdauert theologische Zweifel.
Wintzek sieht in diesem Phänomen nicht ausschließlich ein religiöses Spezifikum. Er zieht Parallelen zu ähnlichen „Reliquienkulten“ in der Popkultur oder im Sport. Fanartikel von Stars wie Taylor Swift, versteigerte Instrumente berühmter Bands oder die Wallfahrtsstätte am Grab von Jim Morrison in Paris dienen einem ähnlichen menschlichen Bedürfnis, einer Ikone physisch nah zu sein. Reliquien fungieren in diesem Sinne als „heilige Souvenirs“ der Kirche, die das Ungreifbare greifbar machen sollen. Während er das grundlegende menschliche Bedürfnis nach solchen Symbolen nachvollziehen kann, bleibt er bei seiner Skepsis, ob das bloße Anschauen alter Knochen tatsächlich zu einer tieferen Gottesnähe führen kann. Es ist eine Gratwanderung zwischen menschlicher Sehnsucht und theologischer Reflexion.
