Frankreich hat nach dreijähriger Arbeit seine neue Energiestrategie vorgestellt, die eine signifikante Kehrtwende in der Energiepolitik einläutet. Unter der Leitung von Premierminister Sébastien Lecornu zielt der Zehnjahresplan darauf ab, Klimaneutralität bis 2050 zu erreichen. Überraschenderweise wird dabei das Tempo beim Ausbau erneuerbarer Energien gedrosselt, während die Atomkraft massiv forciert wird. Dies sorgt für eine Mischung aus Erleichterung in der Wirtschaft und Besorgnis bei einigen Klimaaktivisten. Allerdings währte die anfängliche Erleichterung nicht lange, da die rechtsextreme Oppositionsführerin Marine Le Pen den Plan umgehend anfechtete und Berufung beim Staatsrat ankündigte, was erneut Unsicherheit in die langfristige Energieplanung bringt. Lecornu hatte den Plan bewusst vor den kommenden Präsidentschaftswahlen platziert, um Fakten zu schaffen.
Der Kern der neuen Strategie liegt in einer umfassenden Renaissance der Kernenergie. Im Gegensatz zu früheren Plänen, die die Stilllegung von 14 Kernreaktoren vorsahen, wird diese Maßnahme nun revidiert. Stattdessen verpflichtet sich Frankreich zum Bau von sechs neuen Atomkraftwerken ab 2038, mit der Option auf weitere acht. Zudem wird die Laufzeit der bestehenden 57 Atomkraftwerke auf bis zu 60 Jahre verlängert, um die Stromproduktion aus dieser Quelle bis 2030 zu steigern. Atomkraft deckt bereits zwei Drittel des französischen Strombedarfs und wird als CO₂-neutrale Energieform betrachtet, die dazu beitragen soll, den Anteil kohlenstoffarmer Energie bis 2030 von 40 auf 60 Prozent zu erhöhen und die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu reduzieren. Diese Maßnahmen kommen den Forderungen von Energiebetrieben und der Industrie nach günstigem und stabilem Strom entgegen.
Gleichzeitig wird der Ausbau erneuerbarer Energien, wenn auch nicht gestoppt, so doch merklich verlangsamt. Die Ziele für Solarenergie wurden von ursprünglich 54 Gigawatt auf 48 Gigawatt bis 2030 reduziert, obwohl die Branche erleichtert ist, da ein Moratorium befürchtet wurde. Auch bei der Windkraft werden die ehrgeizigen Pläne zurückgefahren; im Inland setzt die Regierung auf „Repowering“ bestehender Anlagen. Die Offshore-Windkraftziele wurden von 18 auf 15 Gigawatt bis 2035 gesenkt, was bereits dazu geführt hat, dass Unternehmen wie RWE Projekte aufgrund mangelnder Rentabilität aufgegeben haben. Die Umsetzung dieser Strategie ist mit erheblichen Kosten verbunden: Schätzungen zufolge sind über die nächsten 45 Jahre Nettoinvestitionen von 115 Milliarden Euro erforderlich. Lecornu verspricht, dass die Strompreise für die Verbraucher stabil bleiben werden.
Marine Le Pen stellt diese Zusicherung jedoch vehement in Frage und plant, die befürchtete Erhöhung der Strom- und Lebenshaltungskosten zu einem zentralen Thema im kommenden Wahlkampf zu machen. Ihre Strategie zielt darauf ab, sowohl einkommensschwache Schichten als auch Unternehmen anzusprechen, die bereits unter gestiegenen Kosten leiden. Die Unsicherheit wird dadurch verstärkt, dass Lecornu die Energiestrategie per Dekret ohne parlamentarische Mehrheit in Kraft setzte. Dies umging das Parlament, könnte aber zu weiteren Misstrauensanträgen führen. Eine Überprüfungsklausel im Jahr 2027 sieht explizit vor, dass die Energiestrategie neu bewertet werden kann. Sollte die rechtsextreme Partei an die Macht kommen, droht sogar ein vollständiger Stopp des Ausbaus erneuerbarer Energien, was die langfristige Energieplanung Frankreichs in ein noch größeres Ungewissheit stürzen würde.
