Wissenschaftler wollen am Krafla-Vulkanfeld in Island ein weltweit einzigartiges Experiment wagen: Sie planen, eine Magmakammer in nur zwei Kilometern Tiefe anzubohren, um flüssiges Gestein direkt zu erforschen. Dieses bahnbrechende Projekt, das “Krafla-Magma-Testbed” (KMT), bringt Forschende von 25 Universitäten und Instituten aus aller Welt zusammen. Ab dem kommenden Jahr sollen die Bohrungen beginnen und das KMT zum ersten Magma-Observatorium seiner Art machen, das live in das Herz eines aktiven Vulkans blickt. Die Initiative verspricht, völlig neue Einblicke in die komplexen Prozesse tief im Inneren von Vulkanen zu liefern und die Vulkanologie grundlegend zu verändern.
Der kanadische Vulkanologe Yan Lavallée von der LMU München, der die technische Leitung innehat, betont die revolutionäre Natur des Vorhabens. Bislang sind alle Erkenntnisse über Magmakammern indirekt – basierend auf Seismologie und Oberflächenbeobachtungen. Das KMT soll es ermöglichen, direkt Messungen und Experimente im Magma durchzuführen, um die gesammelten Oberflächendaten mit der Realität in der Tiefe abzugleichen. Ein Hauptziel ist die signifikante Verbesserung der Vorhersage von Vulkanausbrüchen, wofür auch eine neue Mikrosonde entwickelt wird. Für die Geowissenschaftler gleicht dieser Vorstoß der ersten Landung auf einem bisher nur aus der Ferne beobachteten Planeten.
Die technischen Herausforderungen sind immens und haben in der Vergangenheit bereits zu Problemen geführt. Schon zwischen 1976 und 1984 trat bei Bohrungen für ein Geothermiekraftwerk Lava aus. Im Jahr 2009 stießen Bohrarbeiten direkt auf eine Magmakammer, wobei flüssiges Gestein ins Bohrloch aufstieg und erstarrte. Der Versuch, Wasser einzuleiten, führte zur Entstehung hochaggressiver Salz- und Flusssäure, die die gesamte Bohranlage zerstörte. Trotz dieser Risiken und der Skepsis einiger Forschender, auch bezüglich der Möglichkeit, einen Ausbruch zu provozieren, schätzt Vulkanologe Boris Behncke vom INGV das Risiko eines Ausbruchs als extrem gering ein. Er sieht die größte Gefahr im schnellen Versagen der Instrumente unter den extremen Bedingungen.
Die potenziellen Vorteile des über 100 Millionen Euro teuren Projekts gehen weit über die Vulkanologie hinaus. Die für den Einsatz unter extremen Bedingungen entwickelten Instrumente könnten beispielsweise in der Raumfahrt zur Erkundung anderer Planeten nützlich sein. Zudem wollen die Wissenschaftler untersuchen, ob sich aktive Magmakammern für die geothermische Energiegewinnung nutzen ließen, auch wenn dies vorerst nur wenigen Ländern wie Island vorbehalten wäre. Besonders wichtig ist die Chance, die Bewegung und Strömungen von Magma tief unter der Oberfläche erstmals direkt zu erforschen, was wiederum zu einem besseren Verständnis der Bewegung von Kontinentalplatten führen und unser Verständnis der Erde grundlegend verändern könnte.
