Der Buckelwal, der tagelang auf einer Sandbank vor Niendorf (Kreis Ostholstein) festsaß, konnte sich nach zahlreichen Befreiungsaktionen offenbar selbst befreien. Am Freitagmorgen war das Tier nicht mehr an der Strandungsstelle zu sehen. Am späten Freitagnachmittag wurde der Wal in Richtung Mecklenburg-Vorpommern gesichtet, zuletzt vor Warnkenhagen, wie eine Sprecherin von Sea Shepherd mitteilte. Die Boote der Wasserschutzpolizei und Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace haben ihren Einsatz am Freitagabend zunächst beendet, wollen aber am Sonnabend wieder ausfahren, um den Wal zu begleiten, sofern seine Position ausgemacht werden kann. Die Bevölkerung wurde gebeten, Walsichtungen zu melden oder in sozialen Medien zu posten, um bei der Lokalisierung zu helfen.
Die Begleitung des Buckelwals in Richtung Nordsee ist mit Herausforderungen verbunden. Laut Stephanie Groß vom Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung (ITAW) konnte kein Sender am Wal angebracht werden, da die Haut des Tieres zu erkrankt sei. Die Tiere vermeiden normalerweise Bootkontakt, was genutzt werden kann, um sie zu lenken. Fühlt sich der Wal jedoch zu gestört, kann er längere Strecken tauchen und so außer Sicht geraten. Experten überlegen, ob es gelingt, das Tier bis Dänemark zu leiten, wobei eine Begleitung bei Dunkelheit aufgrund mangelnder Sicht schwierig ist. Biologe und Walschützer Robert Marc Lehmann, der die Rettungsaktion unterstützte, betonte, dass die Befreiung von der Sandbank nur ein erster Schritt sei. Eine tatsächliche Rettung sei erst gegeben, wenn der Wal wieder im Atlantik sei, was laut Experten mehrere Wochen dauern kann.
Buckelwale leben normalerweise im Nordatlantik, Nordpazifik und Südpolarmeer und wandern im Winter in tropische Gewässer zur Fortpflanzung. Meeresbiologe Boris Culik erklärt, dass Buckelwale sich häufig in die Ostsee verirren, wenn sie Heringsschwärmen folgen. Auch Unterwasserlärm von Schiffen oder Sonnenstürme, die den inneren Magnetkompass der Wale stören, können die Orientierung beeinträchtigen. Die Ostsee ist für Buckelwale kein geeigneter Lebensraum: Sie bietet weniger Nahrung, keine Artgenossen und einen unpassenden Salzgehalt. Dies belastet Haut und Stoffwechsel der Säuger und fördert Parasiten und Entzündungen. In der Ostsee sind nur Schweinswale heimisch. Bei dem aktuellen Buckelwal handelt es sich voraussichtlich um das Tier, das bereits Anfang März vor Wismar und später in der Flensburger Förde und der Lübecker Bucht gesichtet wurde. Messungen ergaben eine Länge von 12 bis 15 Metern und ein geschätztes Gewicht von 15 Tonnen.
Das Schicksal des Wals hat Niendorfer und Urlauber gleichermaßen bewegt und zahlreiche Schaulustige angezogen, wobei einige Absperrungen durchbrachen. Auch Medien aus Deutschland und der ganzen Welt, darunter französische, italienische Teams und die New York Times, berichteten. Die Rettungsversuche waren komplex: Nachdem der Wal Montagnacht entdeckt wurde, scheiterten anfängliche Versuche mit höheren Wasserständen, Bootswellen und einem Saugbagger, ihn in tiefere Gewässer zu bringen. Am Donnerstag gruben Bagger eine Rinne, was den Wal schließlich dazu brachte, sich etwa 20 Meter zu bewegen. Kurze Zeit später konnte er sich endgültig befreien. Bürgermeister Sven Partheil-Böhnke (FDP) von Timmendorfer Strand äußerte sich erleichtert und versicherte, dass die Gemeinde die Kosten der Einsätze zunächst tragen werde, wobei die Rettung des Tieres oberste Priorität habe, ungeachtet der finanziellen Auswirkungen auf den Haushalt.
