Eine archäologische Sensation erschüttert die Forschungslandschaft der Bretagne: In der berühmten Carnac-Region haben Wissenschaftler die beeindruckenden Spuren einer 6.000 Jahre alten “Kathedrale” aus Holz entdeckt. Dieses kreisrunde Bauwerk, das mit neun Metern Durchmesser und geschätzten 20 Metern Höhe alle bisherigen Funde dieser Art in den Schatten stellt, repräsentiert einen außergewöhnlichen Höhepunkt neolithischer Baukunst. Die Entdeckung ist die erste ihrer Art in Carnac und könnte ein bedeutender Kultort gewesen sein, der tiefgreifende neue Einblicke in die Megalithkultur und das Gemeinschaftsleben prähistorischer Gesellschaften verspricht, die Europas erste Großmonumente aus Stein errichteten.
Die Jungsteinzeit in der Bretagne ist vor allem für ihre Menhire bekannt, jene aufrecht stehenden “langen Steine”, von denen allein in der Carnac-Region über 2.000 in kilometerlangen Reihen nebeneinanderstehen. Der nun entdeckte Rundbau, mutmaßlich ein Versammlungs- oder Kultort für die damaligen Bauern und Hirten, steht in unmittelbarer Nähe zu diesen mysteriösen Steinreihen und Holzpalisaden. Seine gewaltigen Dimensionen von bis zu 20 Metern Höhe lassen vermuten, dass das Gebäude schon von Weitem sichtbar war und eine zentrale Rolle im Leben der Menschen spielte. Archäologin Audrey Blanchard betont den enormen Aufwand und die Notwendigkeit gemeinschaftlicher Anstrengung, die für eine solche Konstruktion erforderlich waren, was auf ein hohes Maß an Kooperation schließen lässt.
Die jüngsten Forschungen in Carnac wurden maßgeblich durch die präventive Archäologie vorangetrieben, die es ermöglicht, sehr große Gebiete systematisch zu untersuchen. Auf einem zukünftigen Gewerbegebiet schabte ein Bagger vorsichtig die oberste Erdschicht ab, bevor die Archäologen mit Spachteln und größter Sorgfalt Feuerstellen, ein Grab und mehrere Menhire freilegten. Der entscheidende Durchbruch gelang Archäologe Jean-Noël Guyodo, der mit einer Drohne die Ausgrabung überflog. Dabei entdeckte er ein Muster aus zahlreichen freigelegten Pfostenlöchern, die einen exakten Kreis von etwa neun Metern Durchmesser bildeten. Diese Pfostenlöcher, die alle noch an ihrem ursprünglichen Platz gefunden wurden, sind das direkte Zeugnis der einstigen Holzkonstruktion.
Der Fund dieses großen runden Hauses ist eine Sensation, da ähnliche, jedoch deutlich kleinere Bauwerke in Frankreich äußerst selten sind. Guyodo, der selbst vor 25 Jahren ein nur vier Meter großes Rundhaus entdeckte, zeigte sich begeistert von der doppelten Größe des Carnacer Fundes. Die schwierigen Bodenverhältnisse in der Bretagne, insbesondere der saure Boden, erschweren die Konservierung von organischem Material. Dies macht DNA-Analysen oft unmöglich. Um dennoch mehr über die Menschen der Megalithkultur zu erfahren, konzentrieren sich die Forscher nun auf Umwelt-DNA-Analysen. Audrey Blanchard blickt optimistisch in die Zukunft und plant bereits neue Grabungen, in der Überzeugung, dass die Bretagne, wo die Epoche der großen Steinmonumente in Europa begann, weiterhin neue Erkenntnisse über das Leben in der Jungsteinzeit liefern wird.
