Die Warteschlangen vor deutschen Apotheken werden länger, und die Verfügbarkeit wichtiger Medikamente ist zunehmend prekär. Michael Kuck, CEO von Noweda, einem der größten Pharmagroßhändler in Deutschland, schlägt Alarm. Er beobachtet nicht nur einen steigenden Wettbewerbsdruck durch Versandhändler, sondern warnt auch davor, dass immer mehr Menschen ihre “Apotheke in Pantoffelnähe” verlieren könnten. Die Sorge um die flächendeckende Versorgung mit Arzneimitteln wächst, während die Logistik der Medikamentenverteilung an ihre Grenzen stößt. Kuck, dessen Unternehmen die Versorgung von Tausenden Apotheken sichert, steht an vorderster Front dieser Entwicklung und muss täglich mit den Herausforderungen des Arzneimittelmangels umgehen.
Welche Medikamente sind aktuell schwer zu beschaffen? Michael Kuck hat die Antwort parat, fein säuberlich notiert auf einem DIN-A4-Blatt aus seiner Anzugjacke. Die Liste enthält essenzielle Wirkstoffe wie Candesartan, das in Blutdrucksenkern verwendet wird, das Diabetesmittel Metformin und hochdosiertes Ibuprofen. All diese Präparate sind verschreibungspflichtig und zählen zu den Generika – kostengünstigen Nachahmerpräparaten, deren Patentschutz abgelaufen ist. Allein in den letzten Wochen hätte Kuck Tausende zusätzliche Packungen dieser Medikamente gebraucht, doch die Hersteller konnten die Nachfrage nicht decken. Dieser anhaltende Produktions- und Lieferengpass verschärft die Situation deutschlandweit und stellt Apotheken sowie Patienten vor große Probleme.
Für den 62-jährigen Kuck sind Engpässe kein neues Phänomen; er hat über die Jahre gelernt, diese zu managen. Das Prinzip bei Noweda lautet: „Nicht alle Apotheken bekommen alles, was sie bestellt haben.“ Doch der Manager betont, dass, wenn möglich, jede Apotheke zumindest ihre Vorbestellungen erhält. Dies erfordert eine ausgeklügelte Logistik und ständige Kommunikation, um die vorhandenen Bestände möglichst gerecht und effizient zu verteilen. Die Priorisierung und Zuteilung der knappen Ressourcen ist eine Herkulesaufgabe, die sicherstellen soll, dass die grundlegende Versorgung der Bevölkerung nicht komplett zusammenbricht. Es ist ein ständiger Spagat zwischen Nachfrage und begrenzter Verfügbarkeit.
Kucks Warnung geht über die reinen Lieferengpässe hinaus. Er sieht eine besorgniserregende Entwicklung, die langfristig die Gesundheitsversorgung beeinträchtigen könnte: den Verlust der persönlichen, leicht erreichbaren Apotheke vor Ort. Während Online-Versandhändler zunehmen, könnte die physische Präsenz der Apotheken schwinden, was besonders für ältere oder weniger mobile Menschen ein ernstes Problem darstellt. Die Kombination aus langen Warteschlangen, Medikamentenmangel und dem potenziellen Rückgang lokaler Anlaufstellen zeichnet ein düsteres Bild für die zukünftige Arzneimittelversorgung in Deutschland. Noweda setzt sich unterdessen weiterhin dafür ein, die Lücken im System so gut wie möglich zu schließen und die Lieferketten stabil zu halten.
