Eine neue norwegische Studie, veröffentlicht in Frontiers in Psychology, untersucht die ambivalenten Effekte von Schlaf-Tracking-Apps. Der Markt für diese digitalen Helfer, von Apps bis hin zu Wearables, boomt mit dem Versprechen besserer Routinen. Die repräsentativ gewichtete Bevölkerungsbefragung zeigt jedoch: Schlaf-Apps können sowohl nützen als auch belasten. Von 1.002 Befragten gaben 46 Prozent an, aktuell oder früher eine Schlaf-App genutzt zu haben. Negative Effekte treten zwar seltener auf als positive, betreffen aber bestimmte Gruppen überdurchschnittlich stark, was die Notwendigkeit einer differenzierten Betrachtung unterstreicht.
Erstautor Håkon Lundekvam Berge von der Universität Bergen fand heraus, dass jüngere Erwachsene besonders empfindlich auf die Rückmeldungen der Geräte reagieren. Sie berichten mehr Vorteile, aber auch mehr Sorgen und Stress. Der deutsche Schlafforscher Christoph Schöbel bestätigt dies und führt es auf die zunehmende Selbstvermessung und das Streben nach Selbstoptimierung zurück, bei dem die Fixierung auf perfekten Schlaf schnell zu Anspannung führt. Ältere Nutzer sind weniger betroffen und interpretieren Schlafschwankungen eher als normalen Teil des Lebens. Eine weitere vulnerable Gruppe sind Menschen mit Insomnie-Symptomen, die laut Zweitautor Karl Erik Lundekvam anfälliger für negative App-Rückmeldungen sind, welche Schlafstress oder schlafbezogene Ängste sogar verstärken können.
Die übermäßige Fixierung auf perfekten Schlaf, die paradoxerweise Schlafprobleme verstärken kann, wird in der Forschung als „Orthosomnie“ diskutiert. Schöbel beschreibt den zugrundeliegenden psychologischen Mechanismus: „Durch diese Selbstbeschäftigung steigt ihre innere Anspannung. Anspannung ist der Feind von jedem Schlaf, Entspannung der Weg zum Schlaf.“ Orthosomnie ist noch nicht als Schlaferkrankung anerkannt; norwegische Forschende arbeiten an deren systematischer Erfassung. Zudem warnen Experten vor den Grenzen der Schlaf-Apps: Während Bewegungsmuster, Bettliegezeiten und Herzfrequenz vergleichsweise zuverlässig sind, sind die Angaben zu Schlafphasen wie Tiefschlaf oder Traumschlaf sowie sogenannten Erholungswerten oft ungenau. Schöbel betont: „Die Geräte gaukeln vieles vor, was sie derzeit nicht halten können.“
Die Studienautoren raten Nutzern, die sich durch App-Feedback verunsichert fühlen, kritisch mit den Daten umzugehen, sich zu informieren oder die Tracking-Funktion auszuschalten. Der wichtigste Rat: „Man sollte auf den eigenen Körper hören: Ins Bett gehen, wenn man müde ist – nicht, wenn die App es vorgibt.“ Christoph Schöbel sieht dennoch großes Potenzial in Wearables für die Schlafmedizin, etwa zur Früherkennung von Erkrankungen, Atemaussetzern oder langfristigen Veränderungen. Die Studie zeigt: Schlaf-Apps sind weder grundsätzlich gut noch schlecht. Sie helfen vielen, können andere aber verunsichern oder stressen. Am Ende spüren wir selbst am besten, ob wir uns morgens erholt fühlen – nicht die App.
