Die antike Stadt Pompeji, berühmt für ihre durch den Vesuvausbruch von 79 n. Chr. konservierten Ruinen, birgt ein weiteres faszinierendes Geheimnis, das nun möglicherweise gelüftet wurde. Auffällige Löcher in den nördlichen Stadtmauern, die über 2000 Jahre alt sind, haben Archäologen lange vor ein Rätsel gestellt. Anders als die eindeutigen Krater von Katapultbeschuss weisen kleinere, eher viereckige Einschusslöcher ein ungewöhnliches, fächerförmiges Muster auf. Ein italienisches Forschungsteam legt nun eine spektakuläre Theorie vor: Pompeji könnte mit einer Art “antikem Maschinengewehr” angegriffen worden sein. Diese Erkenntnis verändert nicht nur unser Verständnis der Militärtechnik der Antike, sondern wirft auch neues Licht auf die Belagerungen und Konflikte dieser Epoche.
Bislang galten die kleineren, unregelmäßigen Einschusslöcher in den Mauern als Ergebnis von Verwitterungsprozessen oder als zufällige Spuren intensiver Kampfhandlungen. Die Stadtmauern zeigen generell deutliche Spuren der Auseinandersetzungen mit Rom, insbesondere aus der Zeit etwa ein Jahrhundert vor dem verheerenden Vulkanausbruch, als Pompeji gegen die römische Übermacht rebellierte. Neben den großen, runden Kratern, die typisch für römische Katapulte sind, stachen diese mysteriösen, fächerförmig angeordneten Vertiefungen stets hervor. Die Forscher um die Ingenieurin Adriana Rossi von der Universität Vanvitelli wagten sich an eine detaillierte Untersuchung, um die wahre Ursache dieser bemerkenswerten Schäden zu ergründen und die konventionellen Erklärungen auf den Prüfstand zu stellen.
Das Forschungsteam setzte modernste Lasertechnologie ein, um die Einschusslöcher präzise in Tiefe, Breite und Form zu vermessen. Die detaillierten 3D-Modelle der Mauerschäden deuteten auf eine Waffe mit außergewöhnlich hoher Geschossgeschwindigkeit hin. Der Schlüssel zur Lösung des Rätsels fand sich in der Hypothese, dass ein sogenannter Polybolus zum Einsatz kam – eine antike Waffe, die als Vorläufer heutiger Maschinengewehre gilt. Im Gegensatz zu herkömmlichen Katapulten konnte der Polybolus mehrere Geschosse in schneller Folge abfeuern. Zur Überprüfung ihrer Annahme verglichen die Wissenschaftlerinnen die digitalen Messdaten mit griechischen Ingenieurszeichnungen aus dem 3. Jahrhundert vor Christus, die die komplexe Mechanik eines Polybolus detailliert beschreiben. Das fächerförmige Muster der Einschusslöcher passte exakt zur beschriebenen mechanischen Schwenkbewegung dieser innovativen Waffe. Zudem stimmten Form und Größe der Einschusslöcher mit erhalten gebliebenen eisenbeschlagenen Bolzen aus anderen antiken Fundstätten überein.
Diese bahnbrechende Studie, veröffentlicht im Fachblatt »Heritage«, deutet darauf hin, dass die römischen Belagerer über eine erstaunlich fortschrittliche Militärtechnologie verfügten, die weit über das hinausging, was bisher angenommen wurde. Der Polybolus war offenbar darauf ausgelegt, schnell aufeinanderfolgende Schüsse abzugeben, um beispielsweise Bogenschützen auf den Mauern zu treffen, die sich kurzzeitig aus der Deckung wagten. Die Entdeckung liefert einen einzigartigen Einblick in die militärischen Strategien und technologischen Fähigkeiten der Antike. Sie unterstreicht, wie tiefgreifend und oft unterschätzt die Innovationen jener Zeit waren, und zwingt uns, die Geschichte der Kriegsführung neu zu bewerten. Die Ruinen von Pompeji erzählen somit nicht nur die tragische Geschichte eines Vulkanausbruchs, sondern auch die einer faszinierenden militärischen Auseinandersetzung mit überraschend modernen Waffen.
