In deutschen Krankenhäusern stellt Mangelernährung ein gravierendes, oft unterschätztes Problem dar, das jährlich zum Tod von Tausenden Menschen beiträgt. Laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM) sterben in Deutschland jährlich rund 200.000 Menschen im Zusammenhang mit Mangelernährung in Kliniken. Besonders ältere und sehr alte Patienten sind betroffen, wobei mehr als zwei Drittel der Senioren in Krankenhäusern oder Rehabilitationskliniken mangelernährt sind. Mangelernährung ist dabei nicht nur ein Problem des Untergewichts, sondern beschreibt einen längerfristigen Mangel an Energie, Eiweiß, Vitaminen oder Mineralstoffen, der auch normal- oder übergewichtige Personen betreffen kann. Faktoren wie Einsamkeit, eingeschränkte Mobilität, Medikamente oder altersbedingte Veränderungen des Geruchs- und Geschmackssinns tragen maßgeblich zur unzureichenden Ernährung älterer Menschen bei, obwohl ihr Nährstoffbedarf gleichbleibt oder sogar steigt.
Um diesem alarmierenden Zustand entgegenzuwirken, hat der Deutsche Bundestag mit dem Krankenhausreformanpassungsgesetz ein verpflichtendes Screening zur Erkennung von Mangelernährung in allen deutschen Krankenhäusern auf den Weg gebracht. Die Einführung dieser Maßnahme, die bis Ende 2027 vom Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA) durch eine Qualitätssicherungs-Richtlinie konkretisiert werden soll, zielt darauf ab, jährlich rund 55.000 Todesfälle zu vermeiden. Die Richtlinie wird voraussichtlich drei Kernbereiche umfassen: ein umfassendes Screening der Patienten bei der Einweisung, die spezielle Schulung und Einstellung von Personal sowie die Implementierung strukturierter Therapie- und Diätpläne für mangelernährte Patienten. Gert Bischoff, Präsident der DGEM, begrüßt diesen Schritt als essenziell, um Betroffene frühzeitig zu identifizieren und zielgerichtet zu behandeln.
Die Folgen von Mangelernährung sind weitreichend und bilden oft einen fatalen Kreislauf. Ein Nährstoffmangel schwächt den Körper erheblich: das Immunsystem wird anfälliger, die Wundheilung verlangsamt sich, der Muskelabbau beschleunigt sich, und selbst das Gehirn leidet unter Mangelversorgung, was zu Konzentrationsstörungen und Verwirrtheit führen kann. Geriater Martin Willkomm betont, dass ein einfaches, wenige Minuten dauerndes Screening für Patienten lebensentscheidend sein kann, da ein unerkannteres Ernährungsdefizit selbst die beste medizinische Behandlung untergräbt. Die 2019 veröffentlichte EFFORT-Studie des Schweizer Ernährungsmediziners Philipp Schütz belegte eindrucksvoll, dass eine bedarfsgerechte Ernährung im Krankenhaus die Komplikationsrate und das Sterberisiko von mangelernährten Patienten um 35 Prozent senken kann.
Trotz der klaren Evidenz und des nun gefassten Beschlusses stehen die Krankenhäuser vor Herausforderungen. Während einige Kliniken wie das UKE Hamburg bereits proaktiv Patienten auf Mangelerscheinungen untersuchen, ist dies noch nicht flächendeckend der Fall. Experten fordern zudem eine zwingende Verbesserung der Qualität des Krankenhausessens, das oft nicht ausreichend nährstoffreich ist. Viele Kliniken kämpfen mit fehlendem qualifiziertem Personal und mangelnden finanziellen Mitteln für gesündere Lebensmittelkonzepte. Philipp Schütz argumentiert jedoch, dass Einsparungen in der Ernährungsmedizin kontraproduktiv sind. Die DGEM schätzt, dass durch die Vermeidung von Folgekomplikationen und kürzeren Krankenhausaufenthalten eine gesamtgesellschaftliche Ersparnis von knapp 8,6 Milliarden Euro pro Jahr erzielt werden könnte, was die Investition in ein systematisches Ernährungsmanagement nicht nur medizinisch, sondern auch ökonomisch sinnvoll macht.
