Die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und die CSU fordern eine “Renaissance der Kernkraft” durch den Einsatz von Mini-AKW, auch bekannt als Small Modular Reactors (SMRs). Kanada gilt als Vorreiter, wo in Darlington in Ontario bis Ende 2030 das erste SMR-Projekt der westlichen Welt industriell Strom produzieren soll. Diese Reaktoren sind im Grunde kleinere Versionen herkömmlicher Leichtwasserreaktoren mit einer Leistung von typischerweise unter 300 Megawatt. Das modulare Baukonzept mit fertig aus der Fabrik gelieferten Komponenten verspricht eine günstigere und schnellere Produktion im Vergleich zu traditionellen Großkraftwerken und könnte eine neue Ära der Kernenergie einleiten.
Doch die Realisierbarkeit dieser Versprechen ist umstritten. Kritiker wie Alexander Wimmers von der Technischen Universität Berlin bezweifeln die Wirtschaftlichkeit. Sie argumentieren, dass SMRs Hunderte bis Tausende gleicher Einheiten benötigen würden, um kostengünstiger als bestehende Groß-AKW zu sein, deren weltweite Anzahl bei etwa 400 liegt. Laut Wimmers und dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung könnten Mini-AKW-Stromkosten zwischen 18 und 50 Cent pro Kilowattstunde liegen, deutlich über den fünf bis zehn Cent für Windstrom. Zudem sind die tatsächlichen Kosten noch unklar, und etliche Projekte wurden bereits wegen explodierender Kosten eingestellt, was die Skepsis an der wirtschaftlichen Machbarkeit verstärkt.
Ein Hauptargument der Befürworter ist die erhöhte Sicherheit der Mini-AKW. Die geringere Leistung bedeutet weniger Wärme und damit ein reduziertes Risiko eines Kernschmelzens sowie eine “praktisch ausgeschlossene” Freisetzung radioaktiver Stoffe, so Walter Tromm vom Karlsruher Institut für Technologie. Diese Eigenschaften könnten es ermöglichen, SMRs näher an Städten und Industrieanlagen zu platzieren, um die Abwärme effizient für Heizzwecke und Prozesswärme zu nutzen – ein Modell, das in Helsinki ab 2035 verfolgt wird. Christian Reiter von der TU München sieht darin großes Potenzial, sogar für die Produktion medizinischer Radioisotope. Allerdings erzeugen auch Leichtwasser-Mini-AKW Atommüll, teils anteilig mehr als große Anlagen. Hoffnungen ruhen auf “Advanced Technology” SMRs mit alternativen Kühlmitteln, die weniger und kürzer strahlenden Müll versprechen, deren technische Umsetzung aber noch weit entfernt ist.
Trotzdem bleibt die Skepsis bestehen. Alexander Wimmers kritisiert, dass SMRs – von denen im Westen noch keiner am Netz ist – Kapital und Aufmerksamkeit von dringend nötigen Investitionen in den Ausbau erneuerbarer Energien und Stromspeicher abziehen könnten. Volker Quaschning von der HTW Berlin merkt an, dass selbst der Beitrag der letzten deutschen Kernkraftwerke nur drei Prozent des Gesamtverbrauchs ausmachte und eine signifikante Energiewende Hunderte neuer AKW erfordern würde. Mini-AKW faszinieren viele Experten durch ihr Potenzial, Atomrisiken zu mindern. Doch die praktische Umsetzung und vor allem die wirtschaftliche Konkurrenzfähigkeit gegenüber etablierten erneuerbaren Energiequellen wie Sonne und Wind sind hoch spekulativ und stellen die entscheidende Frage für ihre Rolle in der zukünftigen Energieversorgung.
