Das Phänomen des Schummelns in Schulen und Universitäten hat sich im Laufe der Zeit erheblich gewandelt. Was einst mit handgeschriebenen Mikrozetteln und Kugelschreibern mit versteckten Formeln begann, erfuhr mit dem Aufkommen einfacher Mobiltelefone und Computeruhren eine erste technologische Aufrüstung. Die Möglichkeit, einen „Telefonjoker“ zu nutzen, markierte einen Wendepunkt, auch wenn schwaches Schul-WLAN oft Grenzen setzte. Doch all diese Methoden wirken heute beinahe archaisch angesichts der jüngsten Entwicklungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz.
Mittlerweile kommunizieren Studierende und Schüler direkt mit großen Sprachmodellen wie ChatGPT. Diese fortschrittlichen KIs sind in der Lage, Aufgabenstellungen selbstständig zu scannen und umgehend passende Antworten zu generieren – sei es die Interpretation eines komplexen Textes oder die Lösung einer schwierigen mathematischen Gleichung. Die dafür benötigten „Augen“ der KI sind winzige Kameras, die in smarten Brillen integriert sind. Technologiefirmen wie Meta, Xiaomi und Alibaba drängen diese Hightech-Gadgets aggressiv auf den Markt, in China sogar mit staatlicher Unterstützung, die Käufern bis zu 15 Prozent Rabatt gewährt. Diese Kameras „lesen“ Prüfungsfragen und projizieren die KI-generierten Antworten nahezu unsichtbar in das Sichtfeld der Nutzerin oder des Nutzers.
Das rasante Aufkommen dieser smarten Brillen hat jedoch bereits Gegenmaßnahmen provoziert. Während an vielen gewöhnlichen Schulen Lehrkräfte die neuen Geräte noch nicht immer als Schummelhilfe erkennen, sind sie an Universitäten und bei den begehrten Prüfungen für den öffentlichen Dienst strengstens verboten. Wissenschaftler der Universität Hongkong haben das Potenzial von KI-Brillen für Examina demonstriert und landeten mit deren Hilfe unter den besten fünf von über 100 Prüflingen. Als Reaktion darauf entwickeln sie nun ein System, das Lehrkräften helfen soll, diese Brillen zu erkennen und den Hightech-Betrug effektiv zu unterbinden. Eine solche Entwicklung würde die Investition von 250 bis über 1000 Euro in eine Schummel-Brille schnell nutzlos machen.
Neben den ethischen und rechtlichen Bedenken gibt es auch praktische Kritikpunkte an den smarten Brillen. Viele Nutzer klagen über eine kurze Akkulaufzeit, die Erwärmung des Geräts und das unangenehme Gewicht auf der Nase. Zudem existiert eine weit verbreitete Sorge vor heimlicher Filmerei, was dazu führt, dass Träger solcher Brillen oft misstrauisch beäugt werden. Zwar sollen blinkende LEDs signalisieren, wenn die Kamera aktiv ist, doch diese lassen sich leicht überkleben, wodurch die Bedenken bezüglich der Privatsphäre bestehen bleiben. Die Schlacht zwischen technologischer Innovation und dem Bestreben nach fairen Prüfungsbedingungen ist in vollem Gange.
