Die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) hat trotz erheblich steigender Ölpreise und wachsender Inflationsängste in den USA ihren Leitzins unverändert bei 3,5 bis 3,75 Prozent belassen. Diese Entscheidung, getroffen angesichts des Nahostkonflikts, der die Ölpreise in die Höhe treibt und Sorgen vor einem Inflationsschock weckt, war von Beobachtern weitgehend erwartet worden. Nach einem starken Anstieg der Benzinpreise – eine Gallone kostet nun 3,84 Dollar, verglichen mit knapp drei Dollar Ende Februar – wächst der Druck auf die Regierung und die Notenbank, Maßnahmen zu ergreifen. Fed-Chef Jerome Powell räumte ein, die Auswirkungen der Krise nicht abschätzen zu können.
Die Begründung der Fed für das Festhalten am aktuellen Zinsniveau umfasste mehrere Punkte: die anhaltend über der Zielmarke von zwei Prozent liegende Inflation, ein weiterhin schwacher Arbeitsmarkt sowie eine „erhöhte Unsicherheit“ bezüglich der wirtschaftlichen Folgen des Nahostkonflikts. Obwohl die Fed Ende letzten Jahres dreimal die Zinsen gesenkt hatte und weitere Lockerungen für die kommenden Monate in Aussicht stellte, pausiert sie nun. Es schien, als stünde die Abkehr von der restriktiven Geldpolitik unmittelbar bevor, doch die aktuelle Entwicklung hat die Notenbanker in ein komplexes Dilemma gestürzt.
Der Krieg im Nahen Osten und die potenzielle Blockade der Straße von Hormus, einem neuralgischen Punkt für ein Fünftel des globalen Ölbedarfs, könnten die steigenden Benzinpreise zu einem ernsthaften Inflationsschock eskalieren lassen, ähnlich wie 2022 nach dem russischen Überfall auf die Ukraine. Damals reagierten die Notenbanken mit Zinserhöhungen. Die USA sind zwar weniger stark von Öl aus der Golfregion abhängig, doch die Ungewissheit bleibt hoch. Gleichzeitig sprechen Argumente für Zinssenkungen, um den schwachen Arbeitsmarkt zu stützen, wo zuletzt zehntausende Jobs gestrichen wurden. Powell betonte, dass die ökonomische Lehre Energieschocks oft ignoriere, die aktuelle Lage jedoch von den Inflationserwartungen abhänge und das Wachstum der US-Wirtschaft dämpfen könnte.
Innerhalb des Fed-Direktoriums zeigt sich zunehmend Uneinigkeit. Stephan Miran, ein ehemaliger Berater Trumps und seit September Mitglied des Direktoriums, stimmte als „Taube“ für eine Zinssenkung. Er und eine wachsende Fraktion fordern nicht nur niedrigere Zinsen, sondern auch eine reduzierte Rolle für die Fed, insbesondere in der Finanzregulierung und der Stützung der Wirtschaft durch Staatsanleihenkäufe. Diese Kritiker könnten bald mehr Einfluss gewinnen, da die Amtszeit von Fed-Chef Powell im Mai endet und Trump Kevin Warsh als Nachfolger nominiert hat, der ebenfalls eine Verringerung der Fed-Rolle befürwortet. Allerdings blockieren rechtliche Ermittlungen gegen Powell und die Notenbank, die ein Gericht als Vorwand wertete, die Senatsbestätigung von Warsh, was dazu führen könnte, dass Powell über seine Amtszeit hinaus im Amt bleibt.
