Europa erlebt derzeit eine paradoxe Wetterlage: Während Nord- und Ostdeutschland mit anhaltender Eiseskälte kämpfen, werden Spanien, Portugal und Marokko von extremen Sturzfluten heimgesucht. Dieses Phänomen ist laut ARD-Meteorologe Tim Staeger keine zufällige Koinzidenz, sondern zwei Seiten derselben Medaille – eine blockierte Wetterlage, die den Kontinent fest im Griff hat. Diese extremen Gegensätze spiegeln sich auch in aktuellen Daten des EU-Erdbeobachtungsprogramms Copernicus wider, das für Januar 2026 weite Teile West-, Süd- und Osteuropas als deutlich nasser als den Durchschnitt ausweist, während Mitteleuropa bis Skandinavien überdurchschnittlich trocken war.
Die Ursache dieser blockierten Situation liegt in einem kräftigen Hochdruckgebiet, das sich über Osteuropa und Skandinavien festgesetzt hat. Dieser “Luftberg” agiert als unüberwindbares Hindernis für die normalerweise westlich verlaufenden atlantischen Tiefdruckgebiete. Gezwungen auszuweichen, nehmen diese Tiefs ungewöhnlich südliche Zugbahnen, wodurch sie ihre massiven Regenmassen direkt über die iberische Halbinsel, Italien und den westlichen Balkan entladen. Eine zentrale Rolle spielt dabei der Jetstream, ein wellenförmiges Starkwindband in etwa zehn Kilometern Höhe. Aktuell ist dieser Jetstream laut Staeger “regelrecht ausgeleiert” und verläuft ungewöhnlich weit südlich, beeinflussend die Zugbahnen der Tiefdruckgebiete massiv.
Die Klimaerwärmung verschärft diese Effekte erheblich. Der Jetstream wird hauptsächlich durch Temperaturunterschiede zwischen der kalten Arktis und den wärmeren mittleren Breiten angetrieben. Da sich die Arktis aufgrund des Klimawandels schneller erwärmt als der globale Durchschnitt, gerät dieses Gleichgewicht ins Wanken. Die Folge sind stärkere und weitreichendere Ausbuchtungen im Jetstream, die dazu führen, dass Hoch- und Tiefdruckgebiete länger an einem Ort verharren können. Dies erklärt, warum bestimmte Regionen über Wochen hinweg extreme Trockenheit und Kälte erleben, während andere unter Dauerregen leiden.
Die Intensität der Sturzfluten wird zusätzlich durch die Erhitzung der Ozeane verstärkt. Der Januar war in Spanien der zweitnasseste des 21. Jahrhunderts, und Stürme wie “Marta” häufen sich. Warme Meeresoberflächen, wie sie Copernicus für den Januar mit über 20 Grad Celsius meldet – die vierthöchste je gemessene –, führen zu stärkerer Verdunstung. Wenn diese mit Wasser gesättigten Tiefdruckgebiete dann auf Küstengebirge treffen, wie beispielsweise in Andalusien, resultieren daraus noch extremere Starkregenereignisse. Meteorologen sehen in dieser blockierten Wetterlage eine mögliche “Spielart des neuen Normals” und betonen, dass die Zunahme von Wetterextremen aufgrund des Klimawandels unübersehbar ist.
