Die „antientzündliche Ernährung“ ist ein populärer Trend in den sozialen Medien, der verspricht, Entzündungsprozesse im Körper durch bestimmte Lebensmittel wie Beeren, Kurkuma oder grünes Blattgemüse zu bremsen und gleichzeitig Zucker oder Weißmehl zu meiden. Seit über zwei Jahrzehnten erforschen Wissenschaftler in der Ernährungsmedizin den Einfluss der Ernährung auf Entzündungen, insbesondere bei chronischen Erkrankungen wie Adipositas, rheumatoider Arthritis und Alterungsprozessen. Doch was verbirgt sich wirklich hinter diesem Konzept, und welche Erwartungen sind realistisch? Experten betonen, dass nicht jede Entzündung schädlich ist; akute Entzündungsreaktionen sind essenziell für die körpereigene Abwehr.
Neben den schützenden akuten Entzündungen existieren jedoch auch chronische, schädliche Entzündungen. Stoffwechselmediziner Stefan Kabisch bezeichnet diese als „Fehlsteuerung des Immunsystems“, die beispielsweise bei Adipositas im Fettgewebe beginnt und sich systemisch ausbreiten kann, oder bei Autoimmunerkrankungen, wo das Immunsystem körpereigene Strukturen angreift. In solchen Fällen belasten Entzündungen den Körper. Allerdings kritisiert Ernährungsmediziner Hans Hauner, dass der Begriff „antientzündliche Ernährung“ nicht definiert sei und eher einem Marketingbegriff gleiche. Die Wirksamkeit ernährungstherapeutischer Maßnahmen hängt stark vom spezifischen Entzündungskontext ab, was allgemeingültige Empfehlungen erschwert.
Um schädliche Entzündungsprozesse zu vermeiden, empfehlen Experten vor allem eine pflanzenbasierte Ernährung und einen reduzierten Fleischkonsum. Die traditionell mediterrane Ernährung gilt als das am besten untersuchte und wirksamste Muster, das in großen Studien die Prävention chronischer Krankheiten wie Herzinfarkt, Schlaganfall und Diabetes belegt hat. Bei Adipositas kann eine Ernährung, die entzündungsaktives Bauchfett reduziert und reich an Ballaststoffen, ungesättigten Fetten, Vitaminen und Pflanzenstoffen ist, eine gute antientzündliche Wirkung entfalten. Auch bei rheumatischen Erkrankungen gibt es wirksame Ansätze, die zur Prävention beitragen und medikamentöse Therapien unterstützen können, jedoch keine schweren Krankheitsschübe allein kontrollieren.
Im Bereich der Autoimmunerkrankungen ist die Situation besonders komplex, weshalb individuelle Ernährungsberatung durch Spezialisten unerlässlich ist. Es gibt keinen Grund, teure Exoten zu kaufen; heimische „Superfoods“ wie Heidelbeeren, Johannisbeeren, Zwiebeln und Petersilie sind hervorragend geeignet. Der oft gepriesene Kurkuma-Farbstoff Curcumin hat im menschlichen Körper nur eine geringe Bioverfügbarkeit. Direkt antientzündlich wirken hingegen Omega-3-Fettsäuren aus Seefisch oder Nüssen, möglichst unverarbeitetes Obst und Gemüse (Rohkost), fermentierte Lebensmittel wie Joghurt und Kefir sowie pflanzliche Öle wie Oliven- und Rapsöl. Einschränken sollte man hingegen fette Milchprodukte und rotes Fleisch, um eine gesunde Balance zu fördern.
