Die Zahl der Demenzerkrankungen in Deutschland steigt alarmierend an, mit einer Prognose von 1,8 Millionen Betroffenen im Jahr 2023 auf voraussichtlich 2,74 Millionen bis 2050. Angesichts dieser Entwicklung fordern die Wissenschaftsakademien Acatech, Leopoldina und die Union der deutschen Akademien verstärkte Anstrengungen in Prävention und Früherkennung. Sie haben ein umfassendes Konzept für “Datengetriebene Demenzprävention” vorgestellt, das darauf abzielt, Personen mit erhöhtem Demenzrisiko frühzeitig zu identifizieren. Dies soll durch die systematische Sammlung und Analyse einer breiten Palette von Gesundheitsdaten ermöglicht werden, um personalisierte Präventionsstrategien zu entwickeln und die gesellschaftliche Last dieser Erkrankungen zu mindern.
Der vorgeschlagene Ansatz gliedert sich in zwei Hauptschritte. Zunächst sollen mittels umfassender Gesundheitsdaten, von Abrechnungsdaten der Krankenkassen bis hin zu Lebensstil- und genetischen Informationen, Risikogruppen präzise identifiziert werden. Im zweiten Schritt liegt der Fokus auf der Aufklärung und Empowerment der Betroffenen. Sie sollen detaillierte Informationen über ihre individuellen Einflussmöglichkeiten zur Vorbeugung oder Verzögerung der Krankheit erhalten sowie über verfügbare Behandlungsmaßnahmen aufgeklärt werden. Über die individuelle Ebene hinaus sollen die gesammelten Daten auch wertvolle Einblicke für die Gestaltung des Gesundheits- und Sozialsystems liefern und somit politische Handlungsmöglichkeiten zur Verbesserung der Demenzprävention aufzeigen. Die wirtschaftlichen Kosten der Demenz sind enorm und werden voraussichtlich von 83 Milliarden Euro im Jahr 2020 auf 195 Milliarden Euro im Jahr 2060 ansteigen.
Obwohl eine effektive Heilung oder Behandlung von Demenz, insbesondere Alzheimer, derzeit nicht möglich ist, betonen die Wissenschaftler das immense Potenzial der Prävention. Rund 45 Prozent der Demenzerkrankungen könnten potenziell durch entsprechende Änderungen des Lebensstils vermieden werden. Risikofaktoren wie Übergewicht, Bluthochdruck, Einsamkeit, Hörverlust, Rauchen und fehlende Bildung spielen eine entscheidende Rolle bei der Entstehung. Die Umsetzung dieser datengetriebenen Strategie erfordert jedoch eine erhöhte Bereitschaft zur Datennutzung für die Forschung sowie eine verstärkte Beteiligung der Menschen an entsprechenden Studien. Die Fähigkeit, Befunde einzelnen Personen zuordnen zu können, ist dabei essenziell, um maßgeschneiderte Präventionsangebote entwickeln zu können.
Deutschland benötigt dringend eine kohärente Strategie für Demenzprävention und Gehirngesundheit, die sowohl individuelles Wissen um das Demenzrisiko als auch gesellschaftliche Veränderungen fördert. Dies umfasst Verbesserungen in Bildung, körperlicher Bewegung und sozialer Teilhabe. Experten sehen Potenzial in der Entwicklung von Apps und Trainingsprogrammen, die neurowissenschaftliche Erkenntnisse nutzen, um kognitive Fähigkeiten zu stärken. Während in Deutschland bereits diverse medizinische Register existieren, fehlt es noch an umfassenden Daten zu Lebensstil, Blutmarkern und genetischen Faktoren. Ein stufenweises Vorgehen, das sich zunächst auf Risikopatientengruppen konzentriert und Ressourcen zielgerichtet einsetzt, wird als sinnvoll erachtet, um die Vision einer effektiven datengetriebenen Demenzprävention zu realisieren.
