Die Ostsee erlebt derzeit den niedrigsten Wasserstand seit 140 Jahren, ein Phänomen, das weitreichende Konsequenzen für die Region hat. In Schweden lag der Pegelstand Anfang des Monats rund 67 Zentimeter unter dem langjährigen Mittel, was nicht nur ein seltenes Spektakel wie die Freilegung eines Kriegsschiffwracks aus dem 17. Jahrhundert ermöglichte, sondern auch ernste Probleme für die Schifffahrt mit sich bringt. Fährunternehmen müssen auf kleinere Schiffe umsteigen, und Frachtschiffe kämpfen mit erschwerten Be- und Entladebedingungen in Häfen, die für höhere Wasserstände ausgelegt sind. Insgesamt fehlen der Ostsee 275 Kubikkilometer Wasser – das entspricht fast sechs Mal dem Volumen des Bodensees. Hauptursache für dieses extreme Niedrigwasser sind anhaltende starke Ostwinde und ein Hochdruckgebiet über Skandinavien, die das Wasser durch die dänischen Meerengen in das Kattegat und somit in die Nordsee drücken. Dies verschärft die bereits angespannte Situation eines Binnenmeeres, das schon länger unter zu hohen Temperaturen, übermäßigen Nährstoffeinträgen und einem Mangel an Fischen leidet.
Die Wissenschaft sieht in diesem extremen Niedrigwasser jedoch auch eine seltene Chance. Forschende des Leibniz-Instituts für Ostseeforschung in Warnemünde (IOW) hoffen auf einen baldigen Windwechsel, der einen Salzwassereinbruch aus der Nordsee in die Ostsee bewirken könnte. Solche Einbrüche sind von großer Bedeutung, da salzreiches Wasser schwerer ist und in die Tiefe sinkt, wo es die sauerstoffarmen Bereiche des Meeres mit dringend benötigtem Sauerstoff versorgt. Ozeanographen betonen, dass ein Einstrom von kaltem Nordseewasser gleich doppelt positiv wirken würde: Kaltes Wasser kann deutlich mehr Sauerstoff aufnehmen als warmes, und es könnte die seit rund zwei Jahrzehnten erhöhten Tiefenwassertemperaturen in den zentralen Ostseebecken beenden. Die Voraussetzungen für einen solchen Salzwassereinbruch, bei dem der Ostsee-Füllstand mehr als 20 Zentimeter unter dem mittleren Meeresspiegel liegt, werden derzeit als so günstig eingeschätzt wie lange nicht mehr.
Trotz der Hoffnung gibt es auch Skepsis bezüglich der Langfristigkeit eines solchen Ereignisses. Die Ostsee leidet schon lange unter einem natürlichen, vom Menschen noch verstärkten Sauerstoffmangel am Boden. Christopher Zimmermann vom Thünen-Institut für Ostseefischerei befürchtet, dass ein Salzwassereinstrom die Situation womöglich nur kurzfristig verbessern würde. Die Sauerstoffschuld in den Böden sei inzwischen so groß, dass es sehr viel Sauerstoff bräuchte, um sie auszugleichen. Als Beispiel dient der letzte große Salzwassereinstrom im Jahr 2016, dessen positive Effekte bereits nach vier Monaten wieder aufgezehrt waren. Die Auswirkungen des Klimawandels, die sich in Nord- und Ostsee auch im letzten Sommer bemerkbar machten, tragen zusätzlich zur Verschlechterung des Ökosystems bei und verdeutlichen die Komplexität der Herausforderung.
Die Meeresökologin Sofia Wikström von der Universität Stockholm äußert dennoch Hoffnung: Wenn es im südlichen Kattegat zu einem starken Sturm käme, wären die Bedingungen für das Eindringen von viel sauerstoffreichem Wasser gut, was die Situation der Ostsee auf jeden Fall verbessern würde. Dafür seien jedoch sehr starke Westwinde notwendig, die zu dieser Jahreszeit leider eher ungewöhnlich sind. Somit bleibt die Situation eine Mischung aus Problem und Chance, wobei die Augen auf das Wetter gerichtet sind. Die Hoffnung liegt nun auf einem entscheidenden Sturm, der der Ostsee durch neuen Salzeintrag und frischen Sauerstoff zumindest eine vorübergehende Erholung und ein Wiedererreichen des Gleichgewichts ermöglichen könnte.
