Martin Keller, der frisch ernannte Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft, spricht Klartext über Deutschlands Innovationslandschaft. Nach vielen Jahren in den USA, wo er ein führendes Forschungszentrum für erneuerbare Energien leitete, ist der 60-Jährige nun zurück in Deutschland und erstaunt über die hier vorherrschende Mentalität. Er bemängelt, dass vieles länger dauert und komplizierter ist als notwendig, eine Beobachtung, die weitreichende Implikationen für Wirtschaft und Forschung hat. Keller sieht in dieser Behäbigkeit eine Barriere für den Fortschritt und die Agilität, die für globale Wettbewerbsfähigkeit unerlässlich sind.
Seine zentrale Kritik richtet sich gegen eine Kultur, die dazu neigt, eigene Stärken zu verkennen und Risiken zu meiden. Martin Keller warnt davor, dass diese Haltung Deutschland daran hindert, sein volles Potenzial auszuschöpfen. Im internationalen Vergleich, insbesondere zu den USA, wo er eine dynamischere und risikofreudigere Innovationskultur erlebte, sieht er eine Tendenz zur Selbstblockade. Diese Risikoaversion führt seiner Meinung nach dazu, dass neue Ideen zu langsam oder gar nicht umgesetzt werden, was Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit langfristig gefährdet.
Deshalb fordert Keller eindringlich eine Rückkehr zu einer „Kultur des Machens“. Er appelliert an Entscheidungsträger in Politik, Wirtschaft und Forschung, wieder mehr Mut zur Tat zu beweisen und proaktiv Chancen zu ergreifen. Es geht darum, nicht nur zu analysieren und zu planen, sondern auch ins Handeln zu kommen, Experimente zuzulassen und aus Fehlern zu lernen. Nur so könne Deutschland seine Position als führende Industrienation behaupten und weiterentwickeln, indem es die Umsetzung von Innovationen beschleunigt und bürokratische Hürden abbaut.
Kellers Mahnung kommt zu einem kritischen Zeitpunkt, kurz bevor sich die führende Industrie auf der Hannover Messe trifft. Als Leiter einer Institution, die 48.000 Mitarbeitende in 18 Forschungszentren vereint, darunter Schwergewichte wie das Forschungszentrum Jülich und das Karlsruher Institut für Technologie, hat seine Stimme Gewicht. Seine Beobachtungen sind ein Weckruf, der Deutschland dazu anspornen soll, überholte Denkmuster abzulegen und die Voraussetzungen für eine dynamischere, risikobereitere und letztlich erfolgreichere deutsche Innovationskultur zu schaffen.
