Eine aktuelle Studie aus Ecuador liefert überraschende Erkenntnisse zur Erholung von Regenwäldern. Ein internationales Forschungsteam beobachtete im Nordwesten Ecuadors, dem Chocó-Gebiet, wie sich auf ehemaligen Weiden und Plantagen neuer Regenwald entwickelt. Die Ergebnisse, veröffentlicht in “Nature”, zeigen, dass diese Flächen bereits nach 30 Jahren eine Artenvielfalt erreichen können, die zu 75 Prozent der umliegenden alten Regenwälder ähnelt. Diese Geschwindigkeit übertrifft frühere Erwartungen der Forscher erheblich und setzt neue Maßstäbe für Regenerationsprojekte weltweit. Die Naturschutzorganisation Jocotoco, die landwirtschaftliche Flächen aufkauft und die Regeneration dort beobachtet, spielt eine zentrale Rolle in diesem Projekt. Die Studie macht Mut und bietet anderen Projekten eine realistische Zeitplanung.
Die schnelle Wiederbesiedlung der Flächen wird durch verschiedene Faktoren begünstigt. Samen überdauern lange im Boden oder werden durch Wind verbreitet, wie beim Kapok-Baum. Besonders wichtig sind jedoch Tiere wie Fledermäuse, Vögel (Papageien, Schirmvögel, Tukane), die nahrhafte Früchte fressen und die unverdaulichen Samen über weite Distanzen verteilen. Diese “Win-win-Situation” ermöglicht die Ausbreitung vieler Baumarten. Alte Bäume, die bei Rodungen auf Weiden stehen gelassen wurden, dienen Vögeln als Sitzplätze und Schattenquellen. Auch ehemalige Kakaoplantagen bieten dank ihres Schattens ideale Bedingungen für die Keimung von Regenwaldbäumen, die empfindlich auf direkte Sonneneinstrahlung reagieren.
Der entscheidende Schritt für den nachwachsenden Wald ist das Schließen der Kronenregion. Dies schafft ein stabileres Mikroklima mit geringeren Temperaturschwankungen und höherer Feuchtigkeit, was für viele Pflanzen und Tiere überlebenswichtig ist. In Regionen, wo der nächste alte Regenwald weiter entfernt liegt, können solche “Zwischenstationen” gezielt von Menschenhand geschaffen werden. Schnell wachsende Bäume, die harsche Bedingungen auf landwirtschaftlichen Flächen vertragen, können erste Schatten und Feuchtigkeit spenden. Diese kleinen Vorwälder bieten schattenliebenden Regenwaldbäumen und ihren tierischen Helfern das passende Umfeld, wodurch die Rückkehr seltener und hochspezialisierter Arten erleichtert wird.
Das Forschungsprojekt im Chocó geht weit über reine Pflanzenbeobachtung hinaus. Ein internationales Team um Heike Feldhaar von der Universität Bayreuth und Sebastián Escobar von der Universidad de las Americas in Quito untersucht akribisch die Interaktionsnetzwerke zwischen Tieren und Pflanzen. Mithilfe von Bodenfallen, der Durchsuchung von Laubstreu und Totholz, Ferngläsern, Tonaufnahmen und Wildkameras werden Insekten, Amphibien und Vögel erfasst. Das Verständnis, welche Tiere welche Pflanzen besuchen und Ressourcen wie Samen oder Früchte verbreiten, ist entscheidend, um die besten Bedingungen für zukünftige Regenerationsprojekte zu schaffen. Die Erkenntnis, dass sich ein neuer Regenwald in wenigen Jahrzehnten entwickeln kann, gibt Hoffnung und zeigt, dass Initiatoren solcher Projekte den Erfolg noch selbst miterleben können.
