Inmitten von Spekulationen steht das VW-Werk in Osnabrück im Fokus einer möglichen Transformation von der Automobilproduktion zur Rüstungsgüterfertigung. Gerüchte über Interesse von Firmen wie Rafael für das israelische Luftabwehrsystem Iron Dome oder dem Panzerhersteller KNDS machen die Runde. Sowohl das VW-Management als auch der Betriebsrat schweigen sich dazu aus, was die Unsicherheit unter den 2300 Beschäftigten und hunderten Leiharbeitern, sowie den umliegenden Zulieferern, zusätzlich verstärkt. Die aktuelle Situation spiegelt eine breitere Industriekrise in Deutschland wider, in der monatlich tausende Jobs verloren gehen und ganze Werke vor dem Aus stehen.
Die Idee, dass die florierende Rüstungsindustrie die strauchelnde Autoindustrie auffangen könnte, erscheint auf den ersten Blick verlockend, birgt jedoch erhebliche Komplexitäten. Experten wie Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management sehen das Osnabrücker Werk aufgrund seiner Schwierigkeiten bei der Auslastung als prädestiniert für Kosteneinsparungen, falls ein neuer Partner einsteigt. Obwohl VW auch Gespräche mit zivilen Firmen führt und eine „Waffenproduktion“ ausschließt, ist die Verbindung zur Rüstungsbranche nicht neu; VW ist seit 15 Jahren über ein Joint Venture mit Rheinmetall verbandelt. Doch selbst eine Firma wie Rheinmetall scheiterte kürzlich daran, den Fuchs-Panzer in Osnabrück zu produzieren, da die Fabrikböden für schwerere Modelle wie den Boxer-Panzer nicht geeignet sind.
Politikwissenschaftler Christian Mölling warnt davor, die Probleme der Automobilindustrie pauschal durch die Rüstungsindustrie lösen zu wollen. Die Umnutzung sei oft nur begrenzt möglich, da das Personal nicht immer die notwendigen Fähigkeiten für die Rüstungsproduktion besitzt und die Produktionszyklen (Ein- statt Mehrschichtbetrieb) stark voneinander abweichen. Während Umschulungen zwar möglich sind, passen die Anforderungen der Rüstungsfirmen nicht immer zu den Gegebenheiten ziviler Werke. Die Rolle des Staates ist hier entscheidend. Johannes Binder vom Kiel Institut für Weltwirtschaft kritisiert das behäbige Beschaffungssystem in Deutschland und schlägt „Kapazitätsverträge“ vor, um Produktionskapazitäten aufzubauen. Frankreich zeigt mit Renault einen aktiveren Ansatz: Die Regierung bestellte dort Drohnen und nutzte die Expertise und Massenproduktionskapazitäten des Autoherstellers, der nun 6000 Drohnen pro Monat fertigt.
Der Bau von Drohnen ist jedoch deutlich weniger komplex als die Fertigung von Panzern oder anderen schweren Waffensystemen. Das Beispiel Renault unterstreicht, dass die Kompatibilität zwischen zivilen Fertigungsstätten und militärischen Anforderungen stark variiert. In Osnabrück drängt die Zeit: Bis Ende des Jahres soll eine Lösung gefunden werden, doch der letzte T-Roc-Cabrio läuft bereits im Sommer 2027 vom Band. Die Umschulung von Mitarbeitern und der Umbau eines Werkes könnten mindestens ein Jahr, eher länger dauern. Die ungewisse Zukunft des Werkes symbolisiert die Herausforderungen der Deindustrialisierung in Deutschland und die schwierige Suche nach neuen Wegen und Partnern, die nicht nur kurzfristige Hoffnung, sondern langfristige Stabilität bieten können.
