Orcas sind bekanntermaßen sehr gesprächige Tiere, die ständig innerhalb ihrer Familien oder mit anderen Gruppen kommunizieren. Doch worüber genau tauschen sie sich aus? Dieses Rätsel versuchen Verhaltensbiologen, allen voran Heike Vester, gemeinsam mit KI-Experten zu entschlüsseln. Seit zwei Jahrzehnten widmet sich die Stuttgarter Verhaltensbiologin Heike Vester der Kommunikation von Walen, insbesondere von Orcas. An der Nord Uni in Bodö, Norwegen, lehrt und forscht sie zu diesem faszinierenden Thema. Sie erklärt, dass Zahnwale wie Orcas die Echoortung nutzen: Sie senden Klicklaute aus und orientieren sich am Echo, um mit ihrem hochsensiblen Gehör im Meer zu ‘sehen’.
Für ihre Forschung verbringt Vester unzählige Stunden in einem kleinen Schlauchboot auf dem Meer vor Bodö. Dort nimmt sie mit Unterwassermikrofonen die Geräusche auf und beobachtet gleichzeitig das Verhalten der Orcas. Ziel ist es, aus dieser Kombination von Hören und Beobachten die Bedeutung der verschiedenen Laute abzuleiten. Neben den reinen Klicklauten für die Echoortung verfügen Orcas über ein komplexes Repertoire: Dazu gehören ‘Rufe’ mit spezifischer Struktur, eher einfache ‘Pfeiftöne’ sowie ‘Grunzen’ oder ‘Knattern’, die möglicherweise Emotionen ausdrücken.
Die Herausforderung liegt in der schieren Menge der Daten: Tausende Stunden von Unterwasseraufnahmen müssen durchforstet werden. Deshalb kooperiert Vesters Organisation Ocean Sounds mit Experten für Maschinelles Lernen an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, unter der Leitung von Elmar Nöth. Auf Orcalaute trainierte Computerprogramme analysieren die riesigen Datenmengen, um zu erkennen, wann Orcas zu hören sind, wie lange, ob es ein einzelnes Tier oder eine Interaktion mehrerer war und was dabei geschah. Alle Laute werden in Spektrogrammen sichtbar gemacht. Bislang kann Vester die Bedeutung nur weniger Laute sicher zuordnen, wie den Ruf einer Mutter nach ihrem Kalb oder den Ausdruck ‘Hurra, hier ist ein Lachs!’ Eine große Sorge ist der zunehmende Unterwasserlärm durch Schiffsmotoren und Explosionen zur Öl- und Gassuche, der die Kommunikation der Orcas massiv beeinträchtigt und sie zum Schweigen bringen kann.
Ein besseres Verständnis der Orca-Kommunikation könnte zukünftig auch helfen, mysteriöse Phänomene zu erklären, wie das gezielte Rammen von Segelbooten durch Orcas vor der spanischen Küste. Vester schlägt vor, autonome Hydrophone einzusetzen, die permanent aufnehmen. Da jede Orca-Gruppe eine einzigartige Lautsignatur besitzt, könnte man so ohne direkte Anwesenheit vor Ort feststellen, wann beispielsweise die ‘gefährliche Segelbootsenkergruppe Z’ in ein bestimmtes Gebiet kommt. Segler könnten dann frühzeitig gewarnt werden, um diese Gebiete zu umfahren. Diese Idee ist jedoch noch in der Entwurfsphase.
