Frankreich hat seine neue Energiestrategie vorgestellt, die eine Abkehr von früheren Plänen bedeutet und verstärkt auf Atomkraft setzt. Der auf zehn Jahre angelegte Plan zielt auf Klimaneutralität bis 2050 ab und sieht den Bau von sechs neuen Kernkraftwerken ab 2038 vor, mit der Option für acht weitere. Zudem sollen die Laufzeiten der 57 bestehenden Atomkraftwerke auf bis zu 60 Jahre verlängert werden, um die Atomstromproduktion bis 2030 zu steigern. Frankreich ist bereits Europas größter Atomstromproduzent und begründet den Ausbau mit der CO₂-Neutralität der Kernenergie und dem Ziel, den Anteil kohlenstoffarmer Energie auf 60 Prozent zu erhöhen, um die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu reduzieren. Diese Kehrtwende kommt Forderungen der Energiebetriebe und Industrie nach günstigem Strom entgegen.
Gleichzeitig drosselt die Regierung das Tempo beim Ausbau erneuerbarer Energien. Die Ziele für Solarenergie wurden von 54 auf 48 Gigawatt bis 2030 reduziert, und im Offshore-Windbereich sank das Ziel von 18 auf 15 Gigawatt bis 2035. Für Onshore-Windkraft setzt man auf „Repowering“. Premierminister Lecornu setzte die Strategie per Dekret durch, um das Parlament zu umgehen. Marine Le Pen von der rechtsextremen Rassemblement National lehnte den Plan jedoch umgehend ab und kündigte Berufung beim Staatsrat an. Ihre Opposition schafft erneut Unsicherheit und stellt die strategische Ausrichtung infrage, insbesondere angesichts der bevorstehenden Präsidentschaftswahlen.
Die Umsetzung dieser ehrgeizigen Strategie ist mit beträchtlichen Kosten verbunden: Nettoinvestitionen von 115 Milliarden Euro über 45 Jahre sind veranschlagt. Während die Regierung stabil bleibende Strompreise verspricht, zweifelt Le Pen dies vehement an. Sie beabsichtigt, die ihrer Ansicht nach drohende Erhöhung der Strom- und Lebenshaltungskosten zu einem zentralen Wahlkampfthema zu machen. Damit will sie breite Wählerschichten ansprechen, von einkommensschwachen Haushalten bis zu Unternehmen, die weitere Kostensteigerungen fürchten. Ohne begleitende Nachfrageimpulse könnte die angebotsseitige Strategie tatsächlich zu steigenden Gesamtkosten führen, die letztlich Verbraucher und Steuerzahler belasten würden, insbesondere da Frankreich über ein überdimensioniertes Stromnetz bei stagnierender Nachfrage verfügt.
Der politische Widerstand Le Pens und die Unsicherheit im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen werfen Schatten auf die langfristige Stabilität der Energiestrategie. Eine explizite Überprüfungsklausel für 2027 ermöglicht eine Neuausrichtung nach den Wahlen. Sollten die Rechtsextremen die Macht übernehmen, könnte dies sogar einen vollständigen Stopp des Ausbaus erneuerbarer Energien bedeuten. Die Regierung versucht, durch Fakten zu schaffen, muss aber weiterhin mit politischem Gegenwind rechnen. Die Energiestrategie wird somit ein zentrales und umstrittenes Thema im französischen Wahlkampf bleiben, dessen Ausgang maßgeblich die Energiepolitik des Landes in den kommenden Jahrzehnten bestimmen wird.
